Pokernight 02.01.26

Autopsie eines sozialen Fehlers

Austragungsort: Tonys Keller

Ein Raum wie aus einem True-Crime-Podcast: Lichttemperatur „Leichenhalle“, Sauerstoff knapp über Mindesthaltbarkeit. Hier gesteht man normalerweise Morde oder sich selbst ein Alkoholproblem. Tony begrüßte uns mit der Herzlichkeit eines Zollbeamten kurz vor Schichtende. Gespielt wurde Poker. Also offiziell. Inoffiziell war es ein Menschenversuch.

Feldstudie: Wie Würde stirbt

Tony – Gastgeber, Endgegner, Naturkatastrophe

Tony gewann. Nicht überraschend, eher zwangsläufig. Heimvorteil, Kellerkarma und ein Blick, der sagt: Ich weiß, was du hast, bevor du es selbst weißt. Sein Pokerface war so regungslos, dass man damit Seismographen kalibrieren könnte. Er spielte, als hätte er die Regeln nicht gelernt, sondern erfunden. Wenn jemand so gewinnt, nennt man das „Skill“. Oder „Tatort ohne Leiche“. Beides plausibel.

Patrick – Der kontrollierte Gebäudeeinsturz

Patrick war nicht einfach schlecht. Er war so schlecht, dass es wehtat, zuzusehen. Nicht sportlich weh. Menschlich. Sein Spiel wirkte wie eine aktive Kampfansage an Logik, Erfahrung und jede Form von Lernfähigkeit. Jede Hand ein neuer Tiefpunkt, jede Entscheidung der Beweis, dass man aus Fehlern auch nichts lernen kann, wenn man sich wirklich Mühe gibt.

Er verlor nicht wie normale Menschen verlieren. Er verlor wie eine staatlich geförderte Fehlentscheidung mit Langzeitfolgen. Kartenwahl wie russisches Roulette – allerdings mit vollgeladener Trommel und verbundenen Augen. Nach kurzer Zeit schaute man ihn an wie ein brennendes Auto auf der Autobahn: Man will wegsehen, kann aber nicht. Aus purem Entsetzen.

Als wäre Poker nicht genug gewesen, kam das Würfeln. Und selbst dort wurde Patrick gedemütigt. Der Würfelbecherklang irgendwann nicht mehr zufällig, sondern mitleidig. Es war, als würde er sagen: „Bruder, hör auf. Ich kann das nicht mehr.“ Die Würfel fielen, lachten kurz – und zeigten zuverlässig das Falsche.

Statistik brach in Tränen aus. Wahrscheinlichkeit stellte Strafanzeige wegen Rufschädigung. Der gesunde Menschenverstand verließ den Keller, zog die Tür zu und ließ den Schlüssel stecken. Patrick blieb zurück – allein mit seinem Talent, jede denkbare Spielsituation in ein Mahnmal des Scheiterns zu verwandeln.

Oli – Zweiter Platz, menschlicher Büroordner

Oli war der einzige ernsthafte Gegenspieler von Tony. So etwas wie der letzte Boss vor dem Endgegner. Still, konzentriert, tödlich effizient – und verdächtig oft mit zwei Assen auf der Hand. So oft, dass man kurz überlegte, ob er sie vielleicht standardmäßig bekommt oder einfach einen sehr guten Draht zu Gott hat.

Er spielte Poker wie ein SAP-Update: zwingend notwendig, technisch einwandfrei und komplett frei von Emotionen. Kein Spaß, kein Zittern, kein Mensch würde freiwillig daneben sitzen wollen. Oli bluffte so selten, dass man dachte, er hält es für Betrug oder eine urbane Legende. Jede Entscheidung war logisch, sauber, seelenlos. Poker als Verwaltungsakt.

Wäre Tony nicht da gewesen, hätte Oli das Ding gewonnen. Punkt. Aber Tony war da. Also wurde Oli Zweiter – der tragischste aller Plätze. Zu gut zum Verlieren, zu farblos zum Gewinnen. Ihm blieb nur Silber, Frust und die Gewissheit, Patrick brutal deklassiert zu haben. Was ungefähr so beeindruckend ist, wie ein 100-Meter-Sprint gegen jemanden mit Krücken.

Thomas – Das wandelnde Formular

Thomas erschien in Hausschuhen. Wie immer. Niemand weiß warum. Niemand hat noch die Kraft zu fragen. Das war auch das Spannendste an ihm an diesem Abend. Spielerisch war er solide, korrekt, brav – und konsequent früh raus. Nicht dramatisch, nicht spektakulär, sondern zuverlässig wie ein schlechter Witz. Jede Runde dasselbe: Karten anschauen, kurz Hoffnung haben, rausfliegen, warten.

Und warten.
Und warten.

Thomas verbrachte mehr Zeit damit, anderen beim Spielen zuzusehen, als selbst zu spielen. Poker war für ihn weniger ein Spiel als ein Wartezimmer. Man sah ihm an, wie seine Lebenszeit zwischen zwei Händen langsam verdampfte. Emotionaler Zustand: Standby-Modus mit innerer Kündigung.

Er spielte Poker wie eine Steuererklärung, die man schon dreimal überprüft hat: korrekt, langweilig und am Ende trotzdem frustriert. Keine Fehler, keine Highlights, kein Impact. Sein Einfluss auf das Spiel war ungefähr so groß wie der eines IKEA-Beipackzettels. Aber er war da. Saß rum. In Hausschuhen. Und wartete darauf, dass es endlich vorbei ist.

Stephan – Der Mann, der nicht starb

Stephan spielte solide, unauffällig und mit der emotionalen Bindung eines Betonklotzes. Kein Bluff, kein Drama, keine Eskalation. Irgendwann blickte er auf den Tisch, dann innerlich in sich hinein – und entschied, dass selbst seine Schweine gerade die bessere Gesellschaft sind. Nachvollziehbar.

Er verließ das Spielfeld vorzeitig, um sich lieber um Tiere zu kümmern, die wenigstens ehrlich grunzen, wenn sie unzufrieden sind. Eine weise Entscheidung. In diesem Moment war Stephan der einzige, der den Abend strategisch korrekt gespielt hat: rechtzeitig abbrechen und Würde retten.

Arne – Whiskey mit Kartenkontakt

Zum ersten Mal dabei. Nachbar von Tony. Wenn der Mann aufsteht, ändert sich das Raumklima. Er trinkt Whiskey nicht, er verwaltet ihn.

Arne trank Whiskey. Viel. Sehr viel. Poker lief parallel, irgendwo im Hintergrund, wie das Sicherheitsvideo bei einem Banküberfall. Mit jedem Glas wurden seine Einsätze größer, seine Logik dünner und seine Seele lockerer. Entscheidungen traf er nicht mehr mit dem Kopf, sondern mit dem inneren Tier. Karten wurden nicht gelesen, sie wurden gedeutet. Teilweise angebetet.

Nach kurzer Zeit war völlig unklar, ob Arne noch Poker spielte oder gerade ein Kunstprojekt über Selbstzerstörung aufführte. Er redete über Wahrscheinlichkeiten, während er sie aktiv vergewaltigte. Einsätze wirkten wie Machtdemonstrationen: Nicht weil es Sinn macht, sondern weil ich es kann. Geld war für ihn irgendwann kein Zahlungsmittel mehr, sondern ein Statement.

Am Ende wusste niemand, ob Arne verloren, gewonnen oder einfach beschlossen hatte, dass Kapitalismus eine Meinung ist. Er saß da, ein Whiskeyglas in der Hand, Füße quer im Raum verteilt, geistig längst im Casino, körperlich noch im Keller – und hinterließ den Eindruck, dass er entweder alles unter Kontrolle hatte oder absolut gar nichts. Wahrscheinlich beides gleichzeitig.

Fazit

Tony gewann, als hätte er einen Bauplan.
Patrick verlor, als hätte er sich aktiv gegen Leben entschieden.
Der Rest bewegte sich zwischen „noch Puls“ und „warum tue ich mir das an“.

Ein Pokerabend unter Freunden.
Freundschaft beschädigt.
Menschenwürde mehrfach gefoult.
Wiederholung wahrscheinlich.
Therapie dringend.

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